Julie_Latex_Mask_Crossdressing

Cross-Dressing oder die falsch verstandene Frau

Was läuft eigentlich bei Feminisierungsspielen ab?

Wenn ich heute darüber nachdenke, was ich in meiner Zeit als Domina mit Männern angestellt habe, die zur „Frau“ erzogen werden wollten, schäme ich mich ein bisschen vor mir selbst. Wenn ich darüber nachdenke, welcher Mechanismen ich mich bedient habe, aber auch welche Wünsche diese Männer hatten, dann geht mir ein Licht auf, aber das macht mich nicht froh. Aber gut, ich weiß nicht, wie viele Dominas sich wirklich mit der Problematik von Geschlecht auseinandersetzen, wenn sie einen Gast haben, der gerne Damenwäsche trägt.

 

Wie liefen diese Session ab? Ich habe meine allererste dieser Art in dem Kapitel „Susi, Rudi und die Froschschenkel“ niedergeschrieben. Für gewöhnlich werden solche TV-Sessions (TV für Transvestit), nach einem bestimmten Schema abgewickelt, und dieses Schema ist erschreckend. Das Machtpotenzial der Domina gegenüber ihrem geschlechtsambivalenten Kunden wurde ausschließlich dadurch eingesetzt, in aufgrund seiner gespielten Weiblichkeit zu demütigen. Seine augenfälligsten Merkmale als falsche Frau waren natürlich in erster Linie High-Heels in Übergröße, auf denen er herumstöckelte wie ein Flamingo auf Extasy. Schlecht sitzende Damenwäsche, Gummibrüste, halterlose Strümpfe an dünnen, behaarten Männerbeinen und ein verschmierter Lippenstift. Oft auch eine schlampige blonde Perücke. Wir waren es, die den Mann ausstatteten und wir taten das – als sei es eine unausgesprochene Regel – immer auf die eine Weise. Als wäre der Mann, der eine Frau sein will, automatisch eine billige Nutte.

Gut, es gibt viele Männer, die genau das wollen. Und als dominante Dienstleisterin sagt man ja auch nicht zu einem Kunden: „Hör mal, ich finde, du solltest dein Verständnis von Frauen nochmal überdenken.“

Aber es ist doch erstaunlich, dass sich dieses Schema verselbständigt hat. Ich möchte dabei betonen: Der männliche Wunsch, eine Frau zu sein, hat mir schon immer gefallen. Ich habe es als Reminiszenz an das Weibliche gesehen und mich darüber gefreut, dass ein Mann diese Sphäre betreten will. Ich habe den transsexuellen Ansatz nie als verbotenes Eindringen in die Welt der Frauen gesehen. Wobei Männer, die sich in eine Frau verwandeln möchten, nichts zwangsläufig mit SM in Kontakt kommen müssen. Diejenigen, die eine Domina aufsuchen, reizt der Zwang zur Weiblichkeit und die Erniedrigung derselben. Diese Männer haben sich die  verletzlichsten Aspekte des Frau-Seins herausgesucht und liefern sich dem alten patriarchal-gewalttätigen Muster aus. Mit einer …tja, Frau als Vollstreckerin.

Es gibt nur wenige, die sich von einer Domina behutsam und liebevoll in die Wunderwelt der Weiblichkeit einführen lassen und die die Verwandlung an sich schon als höchste Lust erleben. Hierzu gehören strenge Anleitungen zum Schminken, Kleiden, dem Laufen in hohen Schuhen und dem dienstbaren Verhalten einer Zofe. Die allermeisten jedoch wurden von der Aussicht geil, als Frau missbraucht zu werden. Wie oft liefen solche Sessions im SM-Studio nach dem Motto ab: Der Mann ist eine Nutte und muss mehreren Dominas zu Diensten sein, wurde von ihnen „auf den Strich“ geschickt und musste versprechen, möglichst viele Freier zu befriedigen. Das Blasen von Gummi-Dildos, Porno-Sprache, idiotisches Popwackeln und Analsex mit Strap-on inbegriffen. Das verbale Panoptikum professioneller sexueller Ausbeutung war uns allen geläufig wie das Alphabet und funktionierte immer. Diese Männer kamen auf ihre Kosten.

Nun kann ich natürlich universell werden und sagen: Recht geschieht es einem Mann, das alte Schema einmal an sich selbst vollzogen zu seien, heruntergedampft auf die Übergriffe, mit denen Prostituierte klar kommen müssen.

Aber da ist noch mehr.

Ich finde es bezeichnend, dass so ein Ausflug ins Weibliche so oft  erlebt werden will als Geschöpf, das in seiner Geschlechterrolle auf das Ausüben von Sex-Arbeit reduziert wird. Ich weiß nicht, ob diese Männer tatsächlich nur von der Vorstellung, als Nutte behandelt zu werden, erregt werden. Oder ob es einfach das einzige ist, was ihnen einfällt, wenn sie an Frauen und Sex denken. Alle Männer, die ich als Domina bei Feminisierungsspielen kennengelernt habe, wollten vergewaltigt, benutzt und in ihrem Frau-Sein gedemütigt werden. Sie wollten das äußerste Extrem der sozial konstruierten weiblichen Rolle erleben. Stecken dahinter wirklich nur Vergewaltigungsfantasien? Es gibt ja auch viele Männer, die ihr Geschlecht nicht zwangsläufig „verlassen“ müssen, wenn sie davon träumen, benutzt und missbraucht zu werden. Denn diese Männer waren keine Transsexuellen oder ausgeklügelte Cross-Dresser, die sich darin gefielen, die Äußerlichkeiten einer Frau bis ins kleinste Detail perfekt wiederzugeben. Es war ihnen egal, ob ihre Halterlosen hässliche Laufmaschen hatten und die Haare der Perücke verfilzt waren. Die wenigsten trugen im privaten Rahmen zum Lustgewinn weibliche Accessoires. Ich kann heute sagen, dass auf diese  explizit fraulichen Merkmale zurückgegriffen wurde, um das angeblich Männliche hinter sich zu lassen und den Fantasien in Gestalt einer Faschings-Frau einen vermeintlich sinnvollen Raum zu geben.

Viele Frauen beklagen, dass Transvestiten billig wirken, weil sie es übertreiben mit Schminke, Glamour und Federboa-Ästhetik. Ich denke, dass hier die gleiche Triebfeder wirkt wie bei 12-jährigen Mädchen, die sich zum ersten Mal fraulich geben wollen. Diese Wesen können ebenso wenig auf Stöckelschuhen laufen wie meine damaligen Kunden. Sie können auch nicht besonders gut Lippenstift auftragen oder haben ein ausgeprägtes Stilbewusstsein.

Was hier im Vordergrund steht ist eine einheitliche Vorstellung von Weiblichkeit. Und dass diese Perücken-Pumps-Popowackel-Peinlichkeit mit Sicherheit nicht weit weg ist von Verfügbarkeits-Signalen muss niemanden wundern.

Ich hege den Verdacht, dass das Frau-Sein bei den klassischen TV-Fantasien im Rahmen einer SM-Session vielleicht nur ein Katalysator ist, ein Vorwand zum Erleben von Fantasien, die in der Sphäre des Männlichen weniger selbstverständlich sind. Dass die schlampige blonde Perücke und diese mit Klopapier ausgestopften BH-Körbchen nur ein Hilfsmittel sind, beim Ausleben dieser Fantasien nicht als Mann in Erscheinung treten zu müssen. Nichts weiter als eine Tarnung, die zulässt, dass etwas außerhalb der Geschlechtsgrenzen geschieht, das man ohne Verkleidung gar nicht ertragen will und kann, weil es zu sehr an der männlichen Prägung schabt.

 


Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>