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50 Shades of Grey oder die Suche nach Aschenputtel

Jetzt tue ich also doch. Ich wollte es nicht, aber es lässt sich wohl nicht vermeiden. Gestern habe ich mir also “50 Shades of Grey” geholt und mich damit nackt ins Bett gelegt. Kann ja nicht schaden, wenn man schon mal vorbereitet ist, denn das Buch soll ja wahnsinnig geil sein.

 

Und gegen geile, erotische Literatur habe ich ja nichts, auch wenn es in dem Buch ja um eine…nennen wir sie mal devote Frau geht…aber das ist wohl keine ganz einfache Definition. Da lag ich also, bereit für das Experiment. Millionen Frauen können nicht irren, dachte ich, doch da stellte sich auch schon die Erkenntnis meines Denkfehlers ein. Millionen Frauen und Mädchen finden auch Robert Pattinson toll und schlafen nachts mit offenem Fenster in der Hoffnung, vielleicht beim Schlafen beobachtet zu werden…oder noch mehr. Und in irgendeinem obskuren Zusammenhang mit dem Twilight-Universum steht “Shades of Grey” ja auch, da es sich um Fanfiction handelt. Erste Zweifel meldeten sich, aber ich war fest entschlossen, sie zu besiegen.   Irgendwann mal, so nach etwa 70 Seiten strampelte ich meine Bettdecke weg, aber nicht um aufzustehen und an meine Spielzeugkiste zu gehen, um mir das Weiterlesen mit gewissen vibrierenden Freunden zu versüßen. Der Inhalt des Buches zielte zweifelsohne darauf ab, aber ich bin wahrscheinlich aus Stein, prüde oder beurteile das Ganze an den Maßstäben meines Literaturstudiums. Vielleicht war auch meine nicht gerade winzige innere Göttin, die sich eher an männlichem Leid erfreut, im Wege.                                 Hups, dachte ich, vielleicht bin ich aber auch neidisch, weil dieses Buch hier ein internationaler Bestseller ist und ich….aber lassen wir das. Es muss reichen, dass ich schlicht und einfach nichts empfinde bei Mister Christian-ich-will-dass-du-mir-gehörst-Baby-denn-ich-will-dich-hart-ficken-und-dir-anschließend-ein-MCBook-schenken-aber-nur-wenn-du-nicht-auf-deiner-Unterlippe-kaust-Grey. Seien wir ehrlich: Der Reiz dieses Mannes wird nicht wesentlich dadurch erhöht, dass er ein Folter-Studio in seiner Hochglanz-High Society-Wohnung hat. Wozu muss ein milliardenschwerer, 27 jähriger (!!!) Großunternehmer mit Adonis-Verschnitt auch noch dominant sein? Vielleicht um den stalkerhaften Kontrollzwang der männlichen Hauptfigur in etwas Aufregendes, Gefährlich-Exotisches zu betten? Um davon abzulenken, das er eine Frau nach seinen Maßstäben formen und ausstatten will wie ein…nennen wir es mal Objekt. Und damit diese protzige Manipulation nicht allzu großkotzig rüberkommt, wird sie unter die Überschrift “dominanter” Mann gestellt.Er will ein graues Mäuschen namens Anastasia Steele teuer einkleiden, aber vermeiden, dass sie sich vorkommen muss wie eine Schaufensterpuppe. Er verfasst einen 10seitigen Vertrag in Geschäftsmann-Manier, um sich gegen alle Eventualitäten abzusicher. Darin ist penibel aufgeführt, wo die eng gezogenen Grenzen dieser Art von Beziehung verlaufen. Schlagen, Fesseln und harter Sex, um die wesentlichen Gelüste zu nennen. Das ist wahrscheinlich auch das, was sich die Gesellschaft unter SM vorstellt. Und eine 21-jährige Frau, die keinen Kaffee trinkt, keinen Computer besitzt, niemals masturbiert hat und Jungfrau ist (danke, Mrs James, wir haben begriffen, das Ihre weibliche Hauptfigur ein absolut unbedarftes Hühnchen ist, Sie hätten keine gar so übertriebene Kontrastierung zum männlichen Helden betreiben müssen), verfällt diesem mit so exquisiten Neigungen ausgestatteten Mann.                                                                                                                                                                              Ich kann verstehen, was dieses Buch so erfolgreich macht. Es ist nicht der SM-Sex ( den Menschen, die im Sado-Maso-Universum zuhause sind als recht banal empfinden dürften), sondern das moderne Aschenputtel-Topos. Schüchternes, unbedarftes Entlein trifft Mister Umwerfend (und zwar in körperlicher und vorallem finanzieller Hinsicht). Keine Gelegenheit wird ausgelassen, zu schildern, dass Christian Gray alles, und ich meine wirklich ALLES hat, das eine Frau begehren würde. Mal ehrlich: Würde diese SM-Thematik funktionieren, wenn Gray ein alter Sack mit Wohlstandswampe und Gebrauchwagenverkäufer-Einkommen wäre? Was erhöht hier den Reiz? Ist es dieser Prinz oder die Tatsache, dass auf dem Prinzen (und der alleine würde Ana Steele ja schon genügen) auch noch eine dicke Sahnehaube aus dominanten Gelüsten liegt?

Im Wesentlichen gibt es zwei Fakten an “50 Shades of Grey”, die mich dazu veranlassen, mir meine Jogging-Hose wieder anzuziehen und das Buch wahrscheinlich nur noch häppchenweise, wenn überhaupt, zu Ende zu lesen. Die Sex-Szenen sind…nun, wie soll ich sagen, normal. Banal. Ganz nett. Der Reiz kommt eher durch die Aschenputtel-Thematik. Der Aspekt des modernen Märchens mag für manch auf dem Trockenen liegen gelassene, desilluisionierte Hausfrau erregend sein. Deswegen ist dieses Buch ein Bestseller, und wir mögen es beiden Seiten – Autorin und Konsumentin von Herzen gönnen.

Der 2. Aspekt ist allerdings etwas, das mich ärgert. Hier wird etwas als SM-Stoff verkauft, samt dazu gehöriger feuilltonistischer Aufmerksamkeit (hier fällt gerne der Begriff “salonfähig”), das ich eher als psychische Auffälligkeit bezeichnen würde. Christian Grey ist ein nach außen hin souveräner Großunternehmer, der sich nicht zu schade ist, einer jungen Frau mit Überwachungstechnologie nachzuspionieren, überall dort aufzutauchen, wo sie gerade ist, ungefragt in ihre Wohnung einzudringen und sie nach einem vermeintlichen Beziehungsende zum Sex zu drängen und sie mit unerwünschten Geschenken zu überhäufen. Seltsamerweise scheint dieses Gebaren, das wenig von einem Prinz als vielmehr einem Psychopathen hat, irgendwie und auf den ersten Blick stimmig, wenn man erstmal erfährt, dass Mister Grey dominante Neigungen hat. Aber auf den zweiten, kritischen Blick fällt auf: Reichtum, gutes Aussehen und sexuelle Vorlieben sind Requisiten, die eine ansonsten haarsträubende Geschichte glaubhaft erscheinen lassen sollen. Das mag Leserinnen, die dieses Buch mit der Hand zwischen den bebenden Schenkeln verschlingen und hinterher ihr Kopfkissen zerbeißen, herzlich egal sein. Aber Menschen, die mit der SM-Thematik des Buches gelockt werden, werden hier leider in eine Falle gelockt. Natürlich geht es bei “50 Shades of Gray” um sadomasochistische Praktiken (der Tabu-Katalog, den Grey in seinem Absicherungsvertrag mit Ana auflistet, würde mir persönlich die Lust verderben. Allzu viel, was den normal-neugirigen Leser verstören könnte, wie Urin, Reizstrom und Atemkontrolle, also die böse bäh-bäh-Seite von SM wird hier schön markttauglich ausgespart, daher passt das Wort salonfähig auch so wunderbar). Aber die Motive der Charaktere, vor allem der von Anastasia sind mehr als fragwürdig. Wie kommt es, dass ein als brachial schüchtern charakterisiertes Mädchen derart schlagfertig und eloquent ist, sich aber schlagartig und unmotiviert wieder ins Bockshorn jagen lässt? Was für Hormone sind hier bitteschön am Werk? Und was ist an einem von Zwängen, Kindheits-Missbrauch und Kontrollsucht besessenen Mann dominant? Werden unter dem Eindruck dieser Lektüre weniger attraktive, bescheiden verdienende, normale Männer mit dominanten Gelüsten überhaupt noch ernst genommen?

Mein Eindruck- dies ist kein SM-Buch. Es ist ein Buch über aufregenden Sex. Es gibt Tausende, unbeachtete Bücher, die in Eigenverlagen erschienen sind, die das Thema wesentlich besser verarbeiten. Natürlich dürfen wir uns darüber freuen, dass SM durch dieses Buch wieder an die Oberfläche gesellschaftlicher Betrachtung gespült wird. Wieder ein Stückchen mehr Toleranz und Selbstverständlichkeit. Vielen Dank dafür und weiter geht`s. Die Frage ist nur: Was ist das für ein neues Licht, das auf SM geworfen wird? Zum einen wird es schmackhaft gemacht, aber Hintergrund und Begleitumstände sind äußerst unrealistisch und tatsächlich märchenhaft. Was ist mit den vielen gesellschaftlichen “Niederungen”, in denen SM praktiziert wird? Zum anderen werden hier zwei Dinge miteinander verwechselt. Dominanz (spielerisch) und brutales Besitzdenken (wahnhaft und realistisch). Dass im Buch beide Bereiche wie selbstverständlich miteinander vermischt werden, finde ich problematisch.

Ich weiß nicht, ob “50 Shades of Grey” der gesellschaftlichen Betrachtung von SM einen Gefallen getan hat, auch wenn das Thema gerade wieder überall diskutiert wird. Denn, die Art von SM, an die der Leser hier herangeführt wird, ist nicht die Essenz, sondern ein Stereotyp. Hier entsteht keine wirkliche Toleranz.  Und verstärkt wohl eher das Klischee, das schon seit Beginn einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung über SM in den Köpfen spukt. Klassische Geschlechterrollen werden erneut zementiert, was man an der Frage sieht, ob dieses Buch dem Feminismus in den Rücken fällt. Fast möchte man jubeln, wenn die weibliche Hauptfigur sich wehrt, Grays Geschenke zurückweist, ihm gesalzene Mails schreibt…und stirnrunzelnd seufzen, wenn sie in jenes Schema zurück fällt, in das ihr Milliardär-Prinz sie in vermeintlich dominanter Manier gerne hinein erziehen will. Und all das, damit sie am Ende der fragwürdigen Lektionen endlich wieder seinen beachtlichen, orgasmisch-multiplen, nimmermüden Pracht-Schwanz in sich spüren darf. Ja, manchmal ist der Weg zum weiblichen Höhepunkt echt hart.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  Was mich zu meiner Lieblingfrage führt: Wäre dieses Buch eigentlich ein Weltbestseller geworden, wenn ein devoter Mann dabei die Hauptrolle gespielt hätte?

 


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